Dominik Jung
Alpengletscher seit Ende Juni ohne Schutzschnee: Steinschlag stoppt Touren am Matterhorn
Während im Flachland die Hitze eine kurze Pause macht, geht in den Alpen die Schmelze ungebremst weiter. Schon am 29. Juni war die schützende Winterschneedecke auf vielen Gletschern verschwunden – so früh wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen. Seither frisst sich die Sonne direkt ins jahrhundertealte Eis, und selbst klassische Hochtouren werden zum Risiko.
Die Schneereserven waren Ende Juni aufgebraucht
Der Winter 2025/2026 brachte in den Schweizer Alpen 50 bis 75 Prozent weniger Schnee als im langjährigen Mittel, dazu legte sich im März Saharastaub auf die Decke und ließ sie schneller schmelzen. Am 29. Juni war der Vorrat aufgebraucht – am österreichischen Dachsteingletscher ebenso wie in weiten Teilen der Schweiz. Ab diesem sogenannten Glacier Loss Day zehrt jede warme Stunde direkt vom alten Eis. Während einer zweiwöchigen Hitzewelle flossen nach Angaben des Gletschermessnetzes GLAMOS rund 400 Kubikmeter Schmelzwasser pro Sekunde von den Schweizer Gletschern ab.
Bayerns Eis schrumpft doppelt so schnell wie zuvor
Für Deutschland liegen die jüngsten Zahlen seit dem 19. März 2026 vor. Nach der Vermessung von Hochschule München und Bayerischer Akademie der Wissenschaften verloren die vier bayerischen Gletscher zwischen 2023 und 2025 mehr als ein Viertel ihrer Fläche. Der Nördliche Schneeferner an der Zugspitze schrumpfte von 13,0 auf 9,4 Hektar, Watzmanngletscher und Blaueis büßten sogar über 40 Prozent ein. Die Eisdicke nahm im Schnitt um 1,6 Meter pro Jahr ab und damit doppelt so schnell wie zwischen 2018 und 2023. Glaziologe Christoph Mayer nennt den menschengemachten Klimawandel als Hauptgrund.
Auftauender Permafrost macht die Felswände brüchig
Mit dem Eis verschwindet auch der Kitt im Fels. Der auftauende Permafrost lockert Blöcke, die jahrzehntelang festgefroren waren, und lässt sie als Steinschlag abgehen. Mitte Juli stellten die Zermatter Bergführer ihre geführten Besteigungen des Matterhorns wegen akuter Steinschlaggefahr am Hörnligrat vorerst ein. Die Abkühlung an diesem Donnerstag und Freitag mit einzelnen Schauern am Alpenrand bringt nur eine kurze Atempause: Ab dem Wochenende steigen die Temperaturen wieder, und die Nullgradgrenze bleibt hoch über den Gipfeln.