Die Ostsee ist in diesem Sommer ungewöhnlich früh warm geworden – und mit ihr kam eine Gefahr, die kein Badegast sehen kann. Das Robert Koch-Institut hat bis Ende Juli 17 in Deutschland erworbene Vibrionen-Infektionen erfasst, zwei davon endeten tödlich. Der Auslöser ist messbar und rein meteorologisch: Wassertemperaturen jenseits von 20 Grad.
Ein Sprung um 3,4 Grad in einer einzigen Woche
Ende Juni ging es rasant: Zwischen dem 21. und 28. Juni stieg die Wasseroberflächentemperatur der Ostsee im Flächenmittel von 15,9 auf 19,3 Grad, in der Nordsee von 15,7 auf 17,6 Grad. Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie führt diesen Sprung auf die damalige Hitzewelle und die starke Sonneneinstrahlung zurück, überlagert vom langfristigen Erwärmungstrend. Seit 1990 hat sich die Ostsee im Jahresmittel um etwa 2,1 Grad erwärmt, allein seit 2005 um 1,3 Grad. Genau ab rund 20 Grad vermehren sich Vibrionen in Oberflächengewässern rasant.
Salzarm und flach – fast Laborbedingungen
Vibrionen kommen natürlicherweise in Salz- und Brackwasser vor, doch die Ostsee bietet ihnen nahezu optimale Verhältnisse. Der Salzgehalt liegt bei etwa 0,8 Prozent, das Wohlfühlfenster der Bakterien zwischen 0,5 und 2,5 Prozent. In flachen Buchten und Bodden heizt sich das Wasser zusätzlich schneller auf als auf offener See. Wie ernst das werden kann, zeigt die Langzeitstatistik aus Mecklenburg-Vorpommern: Von 2003 bis 2024 wurden dort 93 Fälle registriert, 13 verliefen tödlich. Aktuell liegen die Werte an der deutschen Ostseeküste bei rund 19 bis 20 Grad.
Nicht das Schlucken ist das Problem, sondern die Wunde
Anders als bei Blaualgen entstehen Vibrionen-Infektionen vor allem dann, wenn offene Wunden mit dem Wasser in Berührung kommen. Schon kleine Schnitte, Kratzer oder frische Narben können genügen, im schweren Verlauf droht eine Sepsis. Betroffen sind fast ausschließlich ältere Menschen und Personen mit Diabetes, Leber- oder Herzerkrankungen. Das Medianalter der 17 gemeldeten Fälle liegt bei 70 Jahren. Wichtig zu wissen: Die routinemäßige Badegewässerkontrolle erfasst Vibrionen nicht, eine einwandfreie Wasserqualität schließt sie also nicht aus. Kiel hatte deshalb bereits Anfang Juli für Schilksee und Falckenstein gewarnt.