Johannes Graf
Alpengletscher zehren seit Ende Juni von der Substanz: Bayerns Eisfelder schrumpfen doppelt so schnell
Seit dem 29. Juni schmilzt in den Alpen kein Winterschnee mehr, sondern jahrhundertealtes Eis. Der schneearme Winter und mehrere frühe Hitzewellen haben die schützende Schneedecke so früh weggeräumt wie erst einmal zuvor. Auch Bayerns letzte Gletscher verlieren rasant an Fläche – und Abkühlung ist vorerst nicht in Sicht.
Schwundtag am 29. Juni – nur 2022 war früher
Der Gletscherschwundtag markiert den Moment, an dem der gesamte Winterschnee abgeschmolzen ist und die Sonne direkt auf das blanke Eis trifft. In der Schweiz war es in diesem Jahr am 29. Juni so weit, nur 2022 lag mit dem 26. Juni noch früher. Die Ursachen reichen weit zurück: Im Winter 2025/26 fiel gebietsweise 50 bis 75 Prozent weniger Neuschnee als üblich, Saharastaub färbte die Schneedecke im März dunkel und ließ sie mehr Sonnenenergie aufnehmen, der April lag 2,6 Grad über dem Mittel von 1991 bis 2020.
400 Kubikmeter Schmelzwasser pro Sekunde
Während der zweiwöchigen Hitzewelle im Juli flossen nach Angaben des Schweizer Gletschermessnetzes GLAMOS rund 400 Kubikmeter Schmelzwasser pro Sekunde von den Gletschern – rechnerisch alle sechs Sekunden ein olympisches Schwimmbecken. An heißen Sommertagen sinkt die Eisoberfläche um bis zu zehn Zentimeter pro Tag, am Rhonegletscher maß Glaziologe Matthias Huss Ende Juni rund einen Meter in nur zehn Tagen. GLAMOS führt 2026 derzeit auf Rang zwei der negativsten Jahre der Messreihe, die Endbilanz folgt Anfang Oktober.
Bayerns Eis schmilzt doppelt so schnell
Auch in Deutschland geht es schnell: Nach Messungen der Hochschule München und der Bayerischen Akademie der Wissenschaften haben die verbliebenen Gletscher seit 2023 mehr als ein Viertel ihrer Fläche verloren, die Eisdicke nahm zuletzt um rund 1,6 Meter pro Jahr ab – zuvor waren es 80 Zentimeter. Blaueis und Watzmanngletscher büßten je 40 Prozent ein, der Nördliche Schneeferner dürfte um 2030 seinen Gletscherstatus verlieren. Der DWD kündigt bis Mittwoch nur einzelne kräftige Gewitter an den Alpen an, ab Donnerstag steigt die Wärmebelastung erneut.