Dominik Jung
El Niño auf Rekordkurs: Atlantik ohne Hurrikan, Winter offen
Im tropischen Pazifik entwickelt sich der womöglich stärkste El Niño seit Beginn der Aufzeichnungen – und der Atlantik ist dafür auffällig still. Im langjährigen Mittel entsteht der erste Hurrikan der Saison ausgerechnet am 11. August, bislang gab es nur zwei Tropenstürme. Für Mitteleuropa liefert das Klimaphänomen dagegen kein eindeutiges Signal.
Über zwei Grad zu warm im Pazifik
Der Niño-3.4-Index, der das entscheidende Meeresgebiet im äquatorialen Pazifik beschreibt, lag laut IRI-Update vom 20. Juli in der Woche um den 15. Juli bei 2,1 Grad über dem Mittel, im Juni waren es 1,55 Grad. Anfang August meldeten NOAA-Auswertungen rund 2,07 Grad – mehr als die bisherigen Super-El-Niño-Ereignisse 1982/83, 1997/98 und 2015/16 zum vergleichbaren Zeitpunkt erreichten. 23 von 26 Modellen erwarten für Oktober bis Dezember mindestens 2,0 Grad, die NOAA gibt 81 Prozent für ein sehr starkes Ereignis und 97 Prozent dafür, dass es bis ins Frühjahr 2027 anhält.
Warum der Atlantik still bleibt
El Niño verstärkt die Höhenwinde über dem tropischen Atlantik und der Karibik. Diese vertikale Windscherung kippt und zerreißt die Gewittertürme, aus denen ein Wirbelsturm erst entsteht. Bis Anfang dieser Woche brachte die Saison deshalb nur die Tropenstürme Arthur und Bertha und keinen Hurrikan. Die NOAA senkte ihre Prognose am 6. August auf 7 bis 13 benannte Stürme, 2 bis 6 Hurrikane und höchstens 2 schwere, die Wahrscheinlichkeit für eine unternormale Saison stieg von 55 auf 75 Prozent. Jeder starke El Niño seit 1950 fiel mit einer unternormalen Atlantiksaison zusammen.
Für Deutschland bleibt das Signal schwach
Wer daraus eine Winterprognose ableiten will, sollte vorsichtig sein: Die Fernwirkung von El Niño auf Mitteleuropa gilt als schwach und wird von Nordatlantik, Nordatlantischer Oszillation und der Eigendynamik der Atmosphäre überlagert. wetter.com-Meteorologe Hartmut Mühlbauer rechnet in etwa zwei von drei Fällen mit einem eher milden Winter, eine mögliche Schwächung des Polarwirbels könnte umgekehrt späte Kältephasen begünstigen. Global ist die Sache klarer: Laut WMO und Carbon Brief erhöht das Ereignis die Chance, dass 2027 ein neues Wärmerekordjahr wird.